
Ich habe auf die Schnelle ein weiteres Buch zwischen geschoben. Heißt, ich stehe bei „Der zweite Code“ immer noch bei Seite 100. (siehe Blog von gestern)
Seit gestern habe ich „Die Talent Lüge“ förmlich verschlungen und muss sagen, ich bin hochgradig verwirrt. Ein tolles Buch, welches zunächst einige interessante Fragen stellt. So zum Beispiel, wie kommt es, dass so viele Russinnen plötzlich in den Top Tennis Rängen spielen und wie kommt es, dass diese alle in einer kleinen unbedeutenden Schule trainiert wurden; warum im Jahr 2008 immerhin 45 weibliche Golfspielerinnen aus Südkorea bei den PGA teilnehmen, nachdem es 10 Jahre zuvor nur eine war. Andere Beispiele sind ebenso erstaunlich, denn angeborene und somit genetisch bedingte Talente sind, aufgrund der reinen Statistik, danach auszuschließen.
Der Autor erklärt gleich am Anfang die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung: Myelin, die weiße Substanz in unseren Hirnen ist verantwortlich für diese Leistungen. Myelin ist der Stoff, der die Nervenzellen voneinander isoliert. Je besser eine Nervenzelle isoliert ist, desto besser und vor allem schneller ist die Informationsübertragung und desto schneller erzeugt das Hirn Ergebnisse, heißt unser „Computer“ wird schneller getaktet. Bewegungsimpulse werden schneller an die Muskeln gesendet, der Klavierspieler wird zum Virtuosen, der Fußballspieler zum Pele und so weiter.
Nun habe ich natürlich erwartet, dass das Buch eine chemische Anleitung enthält, wie Myelin erzeugt wird und wie man es einsetzen, ersetzen und beeinflussen kann. Der Rest des Buches beschreibt allerdings dann „nur“ außergewöhnliche Beobachtungen in der wahren Welt, Vermutungen über die Zusammenhänge und Umstände auf Grund dieser Beobachtungen und verweißt auf sehr interessante Studien und Interviews. In der Summe ein sehr gutes und sehr spannendes Buch. Meine Erwartungen sind jedoch nicht erfüllt.
Myelin ist der Wirkmechanismus, ähnlich wie die 3 Wege um DNA Abschnitte zu aktivieren oder still zu legen. Wir kennen also auch hier nun die technischen Vorgänge und wissen, dass Einstein mehr weiße Masse in einer bestimmten Hirnregion hatte als normale Menschen. Das bestätigt die Myelin Wirkung. Aber auch hier fehlt es an der Erklärung des Warum und Wie. Die Software, die Programmierung? Die vielen Beispiele sind, wie gesagt, hervorragend und super interessant, liefern aber keine Antworten.
Einzige vermutete Erkenntnis ist „die 10,000 Stunden Regel“, die auch Malcom Gladwell in „Überflieger“ postulierte: Wenn jemand 10.000 Stunden etwas geübt hat, dann beherrscht er dieses zur Perfektion und somit besser als andere. In beiden Büchern werden für diese Vermutung empirische Beweise angeführt. Aber ist das das Ende der Weisheit?

Im Gegenteil, ich muss nun folgende Fragen stellen:
1) Sind es 10,000 Stunden oder doch nur 5,000? Oder 20,000?
2) Ist die Methode entscheidend oder nur die Anzahl der Wiederholungen?
Und vor allen Dingen ergänzt das Myelin unsere bisherigen Annahmen oder stellt es sie auf den Kopf? Hier ist es was ich damit meine: bisher war man, zumindest ich, der Meinung, dass je mehr Erfahrungen parallel geschaltet wurden, desto breiter wurde die Datenautobahn im Hirn und desto besser wurden wir. Also verschiedene Erfahrungen und auch die Nutzung verschiedener Sensorensysteme, wie sehen, schmecken, riechen, was ganz sicher verschiedene Hirnreale und andere Nervenzellen sind. Synästhesien, also das Erleben, Erlernen von etwas mit allen Sinnen gleichzeitig galt als das Non-Plus-Ultra. Ist das falsch? Ist es nun genau das Gegenteil? Nicht das breite Anlegen von vielen Spuren, das Austreten des Pfades zum breiten Pfad, sondern das Isolieren des kleinen Pfades? Das Buch postuliert den folgenden Gedanken: Je besser die Nervenzellen gegen die Nachbarn isoliert ist, desto weniger Störungen durch die Nachbarn und desto schneller die Informationsverarbeitung. Das ist das Gegenteil! Ich bin verwirrt.
Das ist ein sehr interessanter Aspekt und ich werde versuchen diese Grundfrage weiter zu erforschen. Wahrscheinlich ist beides richtig und letztendlich wird die Beantwortung dieser Frage auch einen Teil der Antwort nach der Software darstellen.
Ein anderer Abschnitt im Buch gab mir auch zu Bedenken und ist höchst interessant. In einer zitierten Studie wurden Fünftklässler in zwei Gruppen unterteil: einer Hälfte wurde gesagt, dass die intelligent seinen, weil sie die Aufgabe gelöst haben, der anderen Hälfte wurde gesagt, dass die sich sehr angestrengt haben und die Aufgabe gelöst hatten. In der Folge wurden die, denen man sagte, die haben sich angestrengt immer besser und die „intelligenten“ immer schlechter. Die Studie zeigt, dass positive Affirmationen und das einfach nur positive Bestätigen nur dann wirken, wenn es auch richtig gemacht wurde. In dem „intelligenten“ Fall, dachten die Kinder nicht, dass sie sich anstrengen mussten, weil sie ja intelligent waren und es so oder so können; in dem anderen, strengten sie sich an, weil die dafür belohnt wurden und nicht dafür, dass die etwas hatten wofür sie nichts konnten, nämlich „Intelligenz“. Eine interessante Studie, die den „it´s all great“ Ansatz definitiv in Frage stellt.